Wenn sich junge Menschen dafür entscheiden, Latein zu lernen, ist das für mich immer ein großer Grund zur Freude. Aus diesem Grund ist es mir auch wichtig, dass sie gern in den Unterricht kommen und alle Möglichkeiten haben, möglichst viel daraus mitzunehmen und die Schwierigkeiten, die das Lateinlernen durchaus bereithält, zu meistern.
Hier ein paar Tipps, die zu einem gelingenden Start in einen neuen Lateinkurs beitragen können:
#01: Gib Sicherheit mit Routinen und Ritualen
Beginne deinen Unterricht immer auf ähnliche Weise. Nach der lateinischen Begrüßung könnte zum Beispiel immer eine kleine Vokabelabfrage folgen, bei der ein Ball hin und her geworfen wird. Du kannst das auch spielerisch machen und einen Timer stellen und wer den Ball bei Ablauf des Timers in der Hand hält. Beende auch jede Stunde mit einem kleinen Exit-Ritual, zum Beispiel einer Vokabel des Tages mit Eselsbrücke, daraufhin folgt die Verabschiedung.
#02: Unterstütze bei der Ordnerführung
Viele Materialien wie Vokabellisten, Übungsaufgaben oder auch Übersetzungen werden nach einer gewissen Zeit nicht mehr benötigt, andere Blätter hingegen sollten die Schülerinnen und Schüler über Schuljahre hinweg gut aufheben wie Grammatik- und Formenübersichten. Aus diesem Grund kopiere ich diese immer auf blassgelbem Papier, damit sie schnell vom Rest unterschieden werden können. Schreiben die Schülerinnen und Schüler ihre Regeln selbst auf, erhalten sie dafür von mir ebenfalls farbiges Papier. So wissen sie immer, was sie auf jeden Fall aufbewahren müssen.
#03: Regelmäßige schriftliche Abfragen
Ob man es nun Vokabeltests, schriftliche Abfrage oder anders nennt: Vokabelkenntnis ist in Latein so unglaublich wichtig, dass ich diese regelmäßig abfrage und auch bewerte. Durch die Vielzahl fällt nicht ins Gewicht, wenn mal eine schlechtere Note dabei ist. Außerdem können sich die Schülerinnen und Schüler bei mir durch wiederholt gute Leistungen Joker verdienen, die sie in Klassenarbeiten oder anderen Tests einlösen können. Außerdem gibt es auch so gut wie nie andere Hausaufgaben auf und in Phasen mit vielen Klassenarbeiten verzichte ich natürlich auch mal auf solche Abfragen.
#04: Sprich so viel einfaches Latein wie möglich
Auch wenn der Unterricht nicht darauf abzielt, Latein zu sprechen, hilft es den Schülerinnen und Schülern, wenn du auch mal Latein sprichst. Nutze leicht zu erschließende Phrasen („Claude fenestram!“) oder stelle einfache, vorab eingeübte Fragen („Quis scit …?“). Durch das Hören wird ein zusätzlicher Sinn angesprochen und einige Formen prägen sich allein durch das wiederholte Hören ein. Überlass es allerdings den Schülern, ob sie auch auf Latein antworten wollen oder auf Deutsch. Du kannst eine deutsche Antwort ja selbst auf Latein wiederholen – das vermeidet auch das typische Lehrerecho.
#05: Arbeite von Anfang an mit Farbcodierungen
Gerade zu Beginn, wenn die Sätze zunächst noch aus wenigen Teilen bestehen und die einzelnen Kasus und Satzglieder nach und nach hinzukommen, lohnt es sich zur visuellen Unterstützung Farbcodierungen einzuführen (z.B. Subjekt = blau, Prädikat = rot usw.). Das hilft den Schülerinnen und Schülern später ungemein bei der systematischen Übersetzung. Du kannst die Farbcodierung auch zusätzlich mit unterschiedliche Symbolen kombinieren (Subjekt = Viereck, Objekte = Kreise usw.).
#06: Pflege eine positive Fehlerkultur und übe das Schüler-hilft-Schüler-Prinzip ein
Eine neue Sprache zu lernen ist anspruchsvoll und Fehler gehören zum Lernprozess dazu. Fehler sind Lernchancen für alle Schülerinnen und Schüler und das Schüler-hilft-Schüler-Prinzip unterstützt das Lernen aller und stärkt richtig angewendet zugleich die Gemeinschaft. Gib dazu vorgefertigte Formulierungshilfen, damit die Schülerinnen und Schüler sich gezielt unterstützen. Zum Beispiel:
1. „Achte bitte darauf, dass …“
2. „die Vokabel / der Kasus / der Numerus / …“
3. „(von) amicas“
4. „Freundin / Akkusativ / Plural / …“ ist.
Auf diese Weise wird das, was nicht gewusst wird, korrigiert und die Möglichkeit einer Verbesserung gegeben.
#07: Gegenwartsbezug und Lebenswelt
Latein und die Antike wirken zunächst sehr fremd und fern auf die Schülerinnen und Schüler, beides taucht aber in ihrem Alltag regelmäßig auf. Sorge für Aha-Effekte und Motivation, indem du sprachliche Bezüge zum Deutschen und Englischen hervorhebst und Bezüge zur Lebenswelt herstellst, vergleichend oder kontrastierend, in modernen Medien usw.
#08: Übe Lernstrategien ein
Zwar ist es den Kindern bereits aus dem Englischunterricht bekannt, Vokabeln zu lernen, oftmals wissen sie aber trotzdem nicht, wie man systematisch lernt. Investiere die Zeit und zeige Methoden: Karteikarten, Eselsbrücken, laute Aussprache, Tandemübungen – gib ihnen die Möglichkeit, die für sie beste Lernmethode herauszufinden, es zahlt sich auf lange Sicht aus.
Fazit
Ein neuer Lateinkurs ist für Schülerinnen und Schüler wie für Lehrkräfte ein besonderer Neuanfang. Mit klaren Strukturen, einprägsamen Routinen und einer positiven Haltung lassen sich die ersten Hürden gut meistern. Entscheidend ist, dass die Kinder merken: Wir gehen diesen Weg gemeinsam, Schritt für Schritt.
Meine Erfahrung zeigt: Je früher Sicherheit, Motivation und Gemeinschaftsgefühl aufgebaut werden, desto leichter gelingt es, dranzubleiben und auch schwierige Phasen durchzustehen. Lateinlernen macht mit den richtigen Strategien, Humor und gegenseitiger Unterstützung richtig Freude – das sollte bei den Schülerinnen und Schülern ankommen.
Welche Erfahrungen habt ihr mit dem Start in einen neuen Lateinkurs gemacht? Ich freue mich über Kommentare, Ergänzungen und weitere Tipps.